Pflanzen als Luftreiniger: Grüner Held oder sympathischer Statist?
- Pi San Capatt
- 17. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Die Idee ist verführerisch: Stell dir ein paar üppige Pflanzen ins Wohnzimmer, und schon saugen sie Feinstaub, Giftstoffe und schlechte Vibes aus der Luft.
Klingt perfekt. Aber die Wissenschaft ist leider etwas weniger romantisch.
Es gibt drei wichtige Fragen:
Welche Schadstoffe können Pflanzen überhaupt aus der Luft holen?
Schaffen sie das in einer echten Wohnung und nicht nur im Labor?
Wie schneiden sie im Vergleich zu elektrischen Luftreinigern ab?
Was Pflanzen wirklich können (im Labor sehen sie richtig gut aus)
Der Hype begann mit der berühmten NASA-Studie von 1989. In kleinen, abgedichteten Testkammern untersuchte NASA, wie gut bestimmte Zimmerpflanzen flüchtige organische Verbindungen (VOCs) wie Benzol, Formaldehyd und Trichlorethylen aus der Luft holen. Einige Klassiker wie Efeu, Einblatt (Peace Lily), Drachenbaum, Bogenhanf schnitten erstaunlich gut ab. Sie reduzierten einen grossen Teil der Schadstoffe innerhalb weniger Stunden.
Später zeigten andere Studien, dass nicht nur die Blätter, sondern auch die Mikroorganismen im Pflanzsubstrat an der Reinigung beteiligt sind. Pflanzen + Erde = kleines Biofiltersystem.
Auch für VOCs in echten Büros gibt es Hinweise: In einer Feldstudie in 60 Büros sanken die Gesamt-VOC-Gehalte messbar, wenn Zimmerpflanzen vorhanden waren.
Kurz gesagt:
Ja, Pflanzen können bestimmte gasförmige Schadstoffe (vor allem VOCs) aufnehmen und abbauen. Im Labor sogar ziemlich beeindruckend.
Die schlechte Nachricht: In normalen Wohnungen sind Pflanzen eher langsame Luftreiniger
Dann kamen die Spassbremsen…
Ein Team um Cummings & Waring (2019/2020) hat sich durch viele Pflanzenstudien gearbeitet und aus den Daten den sogenannten Clean Air Delivery Rate (CADR) berechnet. Also wie viel „saubere Luft“ ein System pro Stunde tatsächlich liefert.
Das Ergebnis war… sagen wir: ernüchternd.
Die Pflanzen in den Studien waren meist in winzigen, abgedichteten Kammern getestet worden.
Überträgt man die Ergebnisse auf normale Gebäude mit Luftaustausch, sind Pflanzen um Grössenordnungen langsamer als das, was Lüftung und Infiltration ohnehin leisten.
Eine Auswertung kommt zu dem Punkt, dass man theoretisch 10–1000 Pflanzen pro Quadratmeter bräuchte, um an die Wirkung der normalen Luftwechselraten ranzukommen.
Auch die American Lung Association fasst den Stand der Forschung ziemlich nüchtern zusammen: Zimmerpflanzen sind toll, aber sie verbessern die Luftqualität messbar praktisch nicht. Wer Allergene oder Feinstaub in den Griff bekommen will, sollte lieber auf Filtration und Lüftung setzen.
Übersetzung in Alltagssprache:
Deine Monstera ist schön, beruhigend und Instagram-tauglich. Aber sie ersetzt keinen Luftreiniger. Selbst wenn du sie „Harald, den Luftfilter“ nennst.
Filtern Pflanzen auch Feinstaub (PM10, PM2.5)?
Jetzt wird’s spannend, denn du fragst speziell nach Feinstaub.
Mechanismus: Wie halten Pflanzen Partikel zurück?
Blätter wirken wie natürliche Staubfänger:
Partikel bleiben an Wachs, Härchen, rauen Oberflächen hängen
Ein Teil der Feinstaubpartikel kann auch auf der Blattoberfläche lagern oder sich durch Mikrostrukturen und elektrostatische Effekte anlagern
Regen oder Abwischen würde die Partikel von Aussenpflanzen wieder entfernen – bei Zimmerpflanzen bist du der „Regen“ mit dem Staubtuch
Studien an Bäumen und Zierpflanzen zeigen, dass Blätter tatsächlich PM2.5 und gröbere Partikel zurückhalten können.
Was sagen Laborstudien zu Zimmerpflanzen und Feinstaub?
Neuere Arbeiten testen gezielt, wie gut Zimmerpflanzen PM2.5 in kleinen Kammern reduzieren können:
In einer Studie wurden vier bis sechs gängige Zimmerpflanzen in Testkammern gebracht, in denen PM2.5 z. B. durch Räucherstäbchen oder Zigaretten erzeugt wurde. Mit Pflanzen sanken die PM2.5-Werte etwas schneller als ohne Pflanzen. Der Effekt war aber relativ gering und stark vom Versuchsaufbau abhängig.
Bei einzelnen Arten (z. B. Farnen, Efeu, Gummibaum, Einblatt, Grünlilie) zeigte sich, dass Blätter tatsächlich Feinstaub auf der Oberfläche anreichern, aber in Grössenordnungen von Mikrogramm pro Quadratmeter Blattfläche innerhalb weniger Stunden.
Fazit Feinstaub:
Ja, Pflanzen können Feinstaub an ihren Blättern „parken“.
Aber: Die Menge ist im Verhältnis zum Luftvolumen eines Wohnzimmers klein. Für merkliche Senkung der Feinstaubkonzentration bräuchtest du sehr viele Pflanzen auf engem Raum oder spezielle „grüne Wände“ mit Luftführung durch das Substrat.
Vergleich: Pflanzen vs. elektrischer Luftreiniger
Stell dir einen kleinen Kampf vor:
Ficus vs. HEPA-Luftreiniger mit 300 m³/h CADR
Pflanzen
Was sie leisten können:
Aufnahme bestimmter VOCs (z. B. Benzol, Formaldehyd) vor allem in Laborbedingungen
Geringe Reduktion von PM2.5, wenn genug Blattfläche vorhanden ist
Erhöhung der Luftfeuchtigkeit (kann in trockenen Räumen angenehm sein)
Positive Effekte auf Wohlbefinden, Stress, Zufriedenheit – der psychologische Effekt ist wissenschaftlich deutlich besser belegt als der physikalische Reinigungseffekt.
Was sie nicht gut können:
Schnelle, kontrollierte Reduktion von Feinstaub und Allergenen im ganzen Raum
Planbare „Leistung“. Pflanzen haben keinen CADR-Wert, den du in m³/h angeben kannst
Arbeiten unabhängig vom Licht (nachts ist der Stoffwechsel reduziert)
Elektrische Luftreiniger Was sie leisten:
Definierte Clean Air Delivery Rate (CADR): Du weisst, wie viele Kubikmeter Luft pro Stunde gefiltert werden
Moderne gute Filter entfernen >99 % der Partikel im Bereich PM2.5/PM10, viele Geräte zusätzlich Pollen, Schimmelsporen, Bakterien und Viren.
Kombisysteme mit Aktivkohle reduzieren auch Gerüche und bestimmte VOCs
Bei elektrostatischen oder elektromagnetischen Systemen werden Feinstaub und selbst sehr kleine Partikel aktiv aus der Luft abgeschieden – mit klar messbarer Abscheideleistung.
Kurz gesagt:
Ein einzelner Luftreiniger mit 200–400 m³/h übertrifft dutzende Zimmerpflanzen bei der Luftreinigung. Insbesondere beim Feinstaub – um Größenordnungen. Pflanzen sind eher Bonus, kein Ersatz.
Was genau reinigen Pflanzen und in welcher „Leistung“?
1. Gase / VOCs
Was:
Einige Pflanzenarten (z. B. Efeu, Einblatt, Drachenbaum, Bogenhanf) können bestimmte VOCs wie Formaldehyd, Benzol, Toluol aus der Luft aufnehmen und über Blätter + Wurzelzone und Mikroorganismen abbauen.
Wie viel:
In Kammerstudien wurden teils 30–80 % Reduktion einzelner VOCs innerhalb einiger Stunden gemessen – aber bei sehr kleinen Luftvolumina und hohen Ausgangskonzentrationen.
In realen Räumen ist der Effekt deutlich geringer und oft kaum von normaler Lüftung zu unterscheiden.
2. Partikel / Feinstaub (PM10, PM2.5)
Was:
Pflanzenblätter können Partikel mechanisch einfangen, insbesondere:
Hausstaub
Feinstaub aus Aussenluft, der nach innen gelangt
Partikel aus Kerzen, Räucherstäbchen, Kochen etc.
Wie viel:
Studien in Testkammern zeigen eine leichte Beschleunigung des PM2.5-Abfalls im Vergleich zu Räumen ohne Pflanzen – aber kein „Wunderfilter“-Effekt.
In realen Wohnungen ist der Beitrag klein im Vergleich zur natürlichen Sedimentation und Lüftung.
3. CO₂ und Sauerstoff
Technisch ja – Pflanzen verbrauchen CO₂ für die Photosynthese und produzieren Sauerstoff.
Praktisch nein – der Effekt in Innenräumen ist winzig im Vergleich zur Luftmenge und zum Luftaustausch. Eine aktuelle Studie fand keinen relevanten Zusammenhang zwischen Pflanzendichte und CO₂-Konzentration in Büros, wohl aber einen Einfluss auf die Luftfeuchte.
Welche Pflanzen sind sinnvoll, wenn man realistisch bleibt?
Wenn du Pflanzen als „freundliche Mitspieler“ im Luftqualitäts Konzept einsetzen willst, kannst du auf Arten setzen, die in Studien häufiger untersucht wurden:
Einblatt (Spathiphyllum) VOC-Aufnahme in NASA-Studien, magte leicht feuchte Erde
Efeu (Hedera helix) gute Blattoberfläche, aber aufpassen wegen Giftigkeit für Kinder/Haustiere
Bogenhanf / Sansevieria robust, grosse Blattfläche, pflegeleicht
Drachenbaum (Dracaena marginata / fragrans) häufig in VOC-Studien
Grünlilie (Chlorophytum comosum) unkaputtbar und in PM2.5-Versuchen getestet
Wichtig ist:
Du suchst dir Pflanzen nicht in der Erwartung aus, dass sie dein Luftreiniger-Problem lösen – sondern weil sie Wohlbefinden, Ästhetik und ein paar Prozent Bonus bringen.


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